Die Last von Paris abschütteln

Hélène Bernard hat sich 1986 dazu entschlossen, nach Berlin zu ziehen und dort zu leben. Es ging ihr darum, eine drückende Last abzuschütteln: die Last eines Paris, das ihr durch seinen ruhmvollen Glanz die Wahrnehmung der eigenen Vorortzone unmöglich machte.
Nach und nach wurde die Dominanz ihres kulturellen und künstlerischen Vorwissens aufgelöst.
Zunächst versuchte sie, mittels des ihr bekannten Architekturvokabulars zu entschlüsseln, was Berlin erzählt. Doch ihr  kam es vor, als ob ihre Erwartungen sich im Laufe ihrer Beobachtung mehr und mehr auflösten. Dem Modell der Stadt Paris, Abbild des königlichen und später republikanischen Zentralismus, setzt das heutige Berlin die bunte Zersplitterung eines begonnenen Puzzles entgegen.

Ursprüngliche Stadt-Konzeptionen haben keine Geltung mehr

In Berlin fiel es manchmal besonders schwer, Orte zu erreichen und zu entziffern: Sind wir hier im Zentrum oder an der Peripherie? Bildet jener Wald die Grenze der Stadt oder ist er ihre innere Lunge? Das städtebauliche Konzept der Hauptstadt, das Paris in reinstem Maße verkörpert, ist hier kaum anwendbar: Hierarchien sind durchbrochen, ursprüngliche Festlegungen haben keine Geltung mehr. Könnte man die Achse "Unter den Linden - Charlottenburg" auch als Versuch auslegen, den Status einer Hauptstadt und einer Einheit anzustreben, so hat noch ein gewaltiger Faustschlag diese Ansätze im Keime erstickt: Zuerst der Krieg mit zerstörenden Bränden, dann der 'Kalte Krieg', der Berlin in zwei Teile riss. Blicke stoßen gegen das Absurde, das Wunschkind Zentrum implodiert und wird vermauert.

Seine Siebensachen am Straßenrand abstellen

Der Reisende wird sich, stößt er gegen dieses mächtige Hindernis, entscheiden müssen. Entweder versteift er sich auf seine Gewissheiten, und die Stadt wird sich ihm hermetisch verschließen, so dass er schnellstens aus ihr flüchten muss. Oder aber er lässt sich darauf ein, seine Siebensachen am Straßenrand abzustellen und taucht blindlings ein in das sich ihm darbietende Labyrinth der geschändeten Stadtviertel, mit ihren unbebauten Geländen, den Neonfassaden und ihren Wäldern.

Letzteren Weg hat Hélène Bernard gewählt.

Dieser Text wurde 1989 von Pierre Gilles vor dem Mauerfall geschrieben für den Ausstellungskatalog der Ausstellung in der Lehrter Straße, 12.10.-5.11.1989. Für die Website wurde er leicht gekürzt.