1989 – 1990 Bestandsaufnahme Hamburger Bahnhof, Berlin

Spurensuche lernen

"Bei dieser Arbeit habe ich gelernt, sehr genau zu schauen, die Wichtigkeit der Details zu entdecken und zu berücksichtigen, ihre Zusammenhänge, ihre Logik miteinander. Ein Gebäude nicht nur als Ganzes zu betrachten sondern als Summe wichtiger Details."

Ausgangssituation

1988 und 1989 arbeitete Hélène Bernard für das Architektenbüro Kampmann & Weström. Ihre Aufgabe war, bei der Bestandsaufnahme des unter Denkmalschutz stehenden Hamburger Bahnhofs in Berlin zu helfen. Diese Arbeit entwickelte sich zu einer Detektivarbeit, bei der sie intensiv lernte, Spuren zu lesen - eine Fähigkeit, die für ihr künstlerisches Schaffen essentiell wurde.

Der 1846-47 gebaute Hamburger Kopfbahnhof ist von spätklassizistischem Stil geprägt. Er wurde 1884 stillgelegt und Anfang des 20. Jahrhunderts zum Museum für Verkehr und Bau umgebaut. 1911 wurden dafür zwei Seitenflügel angebaut.

Die Bestandsaufnahme - ein Krimi

Der gesamte Bahnhof stand unter Denkmalschutz, als Hélène Bernards Arbeit begann. Bei der  Bestandsaufnahme ging es vor allem um den westlichen Seitenflügel. Nach den ehemaligen Plänen sollten die Seitenflügel als Backsteingebäude mit Punktfundamenten gebaut werden. So die Theorie.

Doch die Realität war ganz anders: Man hatte damals erstmals in Berlin (und heimlich) ein Gebäudeskelett aus Beton gebaut. Das bildete einen großen Kontrast zu dem spätklassizistischen Stil des Gebäudes. Aus diesem Grund hatte man wohl das Betonskelett verborgen und wagte nicht, es äußerlich sichtbar zu machen. Das ganze Skelett wurde umhüllt, damit es wie ein Backsteingebäude aussah.

Die ursprünglich geplanten Punktfundamente waren nicht angelegt worden. Sie hatten durch den Sandboden bis zum Festboden gehen sollen. Stattdessen wurden Streifenfundamente auf dem Sand gebaut. Das führte jedoch dazu, dass das Gebäude bereits in der Bauzeit dramatisch absackte.

Der West-Seitenflügel, in dem Hélène Bernard arbeitete, war circa 50 Meter lang und 20 Meter breit. Der Boden im ersten Geschoss hing durch "wie eine Hängematte". Aus Gewichtsgründen war es nicht möglich, den Boden auszugleichen. Damit später alles wieder gerade aussehen würde, sind die Fenster und die Hängedecke schief gebaut worden. Um das Gebäude restaurieren zu können, war es notwendig, genau zu wissen wo und wie man damals absichtlich schief gebaut hatte.

Die innere Wände genau aufnehmen

Die vom ursprünglichen Plan abweichende Bauweise hatte Spuren in Putz und Wänden hinterlassen. Diese mussten sorgfältig dokumentiert werden. Der Landeskonservator wollte den Zustand des Gebäudes genau aufgenommen haben. Dafür reichten ihm Fotos nicht aus. Die inneren und äußeren Wände sollten genau und maßstäblich gezeichnet werden.

Das Gebäude war in einem schlechten Zustand, es gab breite Risse und der Putz war reichlich abgeschlagen. "Es war alles merkwürdig, ich saß im Winter allein in diesem Gebäude [...]. Ein Heizlüfter neben mir, eine Polyesterplatte unter den Füßen und eine Decke auf den Beinen. Feld um Feld habe ich die Wände bis zum letzen Detail aufgezeichnet. Alle übergebliebenen Putzflecken und ihren Zustand - fest, bröckelnd oder mit Nässespuren, alle Risse, Haarrisse wie bedeutende Risse, Löcher usw."

Die Wände haben nicht nur Baugeschichte erzählt. Sie haben die Spuren des Krieges und seiner Folgen getragen. Das Gebäude hat als Museum für Verkehr und Technik gelebt. Auch die Stilllegung hinterließ Spuren. „Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper und trotzdem, um die Wände aufzeichnen zu können, musste ich mich in das Geheimnis des Gebäudes, der Wände hineinversetzen". Das Gebäude wurde stillgelegt, die Zeit ist stehengeblieben und es ist spannend: das Gebäude ist wie vom Leben imprägniert.

"Schlüsselhaken, Rücksprünge im Mauerwerk für einen Feuerlöscher haben an die vielfältigen Nutzungen erinnert.
Die Risse, die Restputzflecken, die Farbschichten waren Spuren mit Zusammenhängen. Um alles zeichnen zu können war es wichtig, die Logik dahinter zu verstehen."

Bei dieser Tätigkeit eignete sich Hélène Bernard die Fähigkeit an, Spuren aus Oberflächen zu lesen. Das prägte ihr weiteres künstlerisches Schaffen.